Keine Heizkörper, keine Rohre: eine Carbon-Heizung macht Wand und Decke zur nahezu unsichtbaren Wärmequelle – bei den „Wärme Welten“ in Wilster kann man die ungewöhnliche Technik kennenlernen.
Wärmepumpe, Fernwärme, Pelletheizung – über die möglichen Heizungen der Zukunft wird inzwischen viel gesprochen. Aber eine Heizung, die praktisch in der Wand verschwindet? Die einmal tatsächlich als Farbe auf die Wand gestrichen wurde? Und bei der heute hauchdünne Carbonfolien oder Heizplatten ganze Wand- und Deckenflächen zur Wärmequelle machen?
Was zunächst ein wenig nach Zukunftslabor klingt, lässt sich am 20. September bei den „Wärme Welten“ im Colosseum in Wilster aus der Nähe betrachten.
Der Aussteller Rebotherm Energy beschäftigt sich seit 2011 mit einer ungewöhnlichen Idee: Wärme nicht mehr über einen klassischen Heizkörper an einer bestimmten Stelle im Raum abzugeben, sondern über große Flächen. Die Anfänge lagen bei einem elektrisch leitfähigen Carbon-Heizanstrich, der direkt auf vorbereitete Wand- und Deckenflächen aufgebracht wurde. Heute wird dieser Anstrich nur noch für spezielle experimentelle Anwendungen eingesetzt. Für reguläre Heizungsprojekte verwendet das Unternehmen industriell gefertigte Carbon-Heizfolien und Heizplatten. Das physikalische Grundprinzip ist geblieben: Eine elektrisch leitfähige Carbon-Schicht erwärmt sich unter Spannung.
Die Wand wird zur Heizung
Der Unterschied zur klassischen Heizung ist unmittelbar spürbar: Statt eines einzelnen Heizkörpers werden größere Bereiche von Wand, Decke oder Boden zur Heizfläche. Die entstehende Infrarotstrahlung erwärmt Personen, Möbel und Oberflächen. Diese nehmen Wärme auf und geben sie wiederum an ihre Umgebung ab. Die Wand- und Deckenfolien arbeiten laut Hersteller dabei mit Oberflächentemperaturen von etwa 45 Grad Celsius.
Und die eigentliche Heizung? Die sieht man anschließend nicht mehr.
Die Carbon-Heizfolie für Wand und Decke ist lediglich rund 0,4 Millimeter dünn. Sie wird ähnlich einer Tapete aufgebracht und anschließend verspachtelt. Danach kann die Fläche je nach Aufbau gestrichen, tapeziert oder sogar gefliest werden. Alternativ gibt es vorgefertigte Heizplatten für Trockenbau und abgehängte Decken sowie eine Variante für den Fußboden.
Kein Heizkörper. Keine Rohre. Kein Heizungsraum.
Gerade dieser Gedanke dürfte viele Hausbesitzer aufhorchen lassen. Bei einem entsprechend geplanten Carbon-Flächenheizsystem werden weder Heizkessel noch wasserführende Heizungsrohre, Umwälzpumpen oder klassische Heizkörper benötigt. Auch ein eigener Heizungsraum für diese Komponenten entfällt. Gebraucht werden dagegen eine entsprechend ausgelegte elektrische Versorgung, Schalttechnik und Raumregelung.
Die Räume lassen sich einzeln steuern: Schlafzimmer anders als Wohnzimmer, Badezimmer anders als Gästezimmer. Und auch bei Sanierungen kann das interessant werden – beispielsweise bei Dachausbauten, Ferienwohnungen, denkmalgeschützten Gebäuden oder Räumen, in denen bislang gar kein Heizungsrohrnetz vorhanden ist.
Aber ist das nicht ein Stromfresser?
Genau hier wird es interessant – und genau deshalb gehört diese Technik auf eine Messe, auf der nicht nur geworben, sondern gefragt werden soll.
Denn auch Carbon kann die Gesetze der Physik nicht überlisten. Der Hersteller stellt selbst ausdrücklich klar: Das System erzeugt nicht mehr Energie, als ihm elektrisch zugeführt wird.
Ob eine solche Direktstromheizung für ein bestimmtes Gebäude energetisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, hängt deshalb wesentlich vom Wärmebedarf des Hauses, den benötigten Heizflächen, der elektrischen Anschlussleistung und dem energetischen Zustand des Gebäudes ab. Eine gute Dämmung reduziert den Wärmebedarf und damit die notwendigen Laufzeiten.
Interessant wird damit auch die Kombination mit Photovoltaik und Batteriespeicher: Ein Teil des selbst erzeugten Solarstroms kann unmittelbar für die Heizung genutzt werden. Allerdings fallen Solarstromerzeugung und größter Heizbedarf jahreszeitlich gerade nicht ideal zusammen – auch solche Fragen sollen bei den Wärme Welten ausdrücklich zur Sprache kommen.
Eine Heizung fürs ganze Haus?
Laut Geschäftsführer Udo Reifschläger kann die Carbon-Flächenheizung nicht nur einzelne Räume ergänzend beheizen, sondern grundsätzlich auch als alleinige Gebäudeheizung geplant werden. Voraussetzung sind eine zum tatsächlichen Wärmebedarf passende Dimensionierung, genügend Heizfläche und die erforderliche elektrische Anschlussleistung.
Bei den Wärme Welten am 20. September in Wilster soll nicht nur die Technik zu sehen sein. Reifschläger stellt sich auch kritischen Fragen rund um Carbon-Infrarotheizungen. Die Wärme Welten wollen bewusst unterschiedliche Wege zur Wärmeversorgung zeigen:
Fernwärme, Wärmepumpe, Pellet und Infrarot ebenso wie Photovoltaik, Energieberatung, Einspeisung, Förderung und Finanzierung.
Und vielleicht ist gerade die Heizung, die man am Ende nicht mehr sehen kann, eine der überraschendsten Entdeckungen des Tages.
Wärme Welten
20. September 2026 · ab 10 Uhr · Colosseum Wilster · Eintritt frei
Foto: Udo Reifschläger, Geschäftsführer Rebotherm